Juli 2000, UNI-INFO der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, 27. Jrg.
Sept. 2000, BDU-DEPESCHE / Organ des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU)
Unternehmensgründungen durch Hochschulabsolventen
Ausschlaggebend ist die persönliche Geschichte - unternehmerische Fähigkeiten entscheiden über den Erfolg
von Alf Baumhöfer


Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung
Die (Kurz-)Geschichte meiner Unternehmensgründung
Unternehmensgründungen durch Hochschulabsolventen
Die neuen Selbständigen - eine Bewegung der Visionäre aus den 80er Jahren
Hochschulgründungen aus Forschungsvorhaben bzw. Drittmittelprojekten in den 90er Jahren
Trends, Stärken und Schwächen von Gründungen aus der Hochschule

Zusammenfassung
Warum sollten sich Hochschulabsolventen unternehmerisch selbständig machen? Bisher kamen fast alle im Öffentlichen Dienst und bei größeren Unternehmen unter.
In den 80er Jahren waren es die alternativ orientierten "Neuen Selbständigen" und in den 90er Jahren die Ingenieure und Naturwissenschaftler, die direkt nach der Hochschule (Klein-) Unternehmen gründeten.
Die Gründungseuphorie hat auch die Hochschulabsolventen erfaßt, gerade wo der öffentliche Dienst kaum neue Planstellen für Akademiker schafft und das Bild des erfolgreichen Jung-unternehmers in Medien und in der Politik kursiert, fördert die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz und die zunehmende Dynamik im Dienstleistungsbereich die unternehmerische Selbständigkeit.
Die Möglichkeiten für die unternehmerische Selbständigkeit von Hochschulabsolventen sind jetzt und zukünftig vorhanden - sie müssen "nur" realistisch unternehmerisch geplant und umgesetzt werden.

Die (Kurz-)Geschichte meiner Unternehmensgründung
Während meines wirtschaftwissenschaftlichen Studiums (1975-1979) an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg habe ich nicht im entferntesten daran gedacht, mich nach dem Abschluß des Studiums zum Diplom-Ökonomen unternehmerisch zu betätigen. Ich hatte in dieser Zeit des Protestes, der gesellschaftlichen Visionen und Umbrüche die vielen kleinen und großen Motoren unserer Wirtschaft nicht im Blickfeld, obwohl ich aus einem 100-jährigen Einzelhandelsunternehmen stamme, bei einer Bank ausgebildet wurde und dort gear-beitet habe sowie Betriebswirtschaft studierte. Einige Stationen in Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen führten mich zur Unternehmensberatung; aber erst die Kooperation mit einem Kollegen führte mich in die unternehmerische Selbständigkeit. Seit über 17 Jahren berate ich u.a. Unternehmensgründer und -gründerinnen bei Aufbau und Weiterentwicklung ihrer Vorhaben - fast 30 % unserer Kunden sind Akademiker /innen.

Unternehmensgründungen durch Hochschulabsolventen
In Deutschland machten sich in den letzten Jahren zwischen 500.000 - 700.00 Menschen pro Jahr selbständig und meldeten ein Gewerbe bzw. eine freiberufliche Tätigkeit an. Zur Zeit sind 9 % der Erwerbspersonen selbständig; vor 40-50 Jahren waren es noch 12-15 % - in den USA, in Großbritannien und Frankreich ist die Selbständigenquote 25-40 % höher. Hierbei gibt es ein regionales Gefälle: Während in München 1998 118 Gründungen auf 10.000 Einwohner gezählt wurden, sind es im Land Hessen 92, im Land Niedersachsen nur 67 Gründungen und immerhin in der Stadt Oldenburg 103 (1999, nur Gewerbeanmeldungen). 75 % der Unternehmer und Unternehmerinnen haben eine abgeschlossene Berufsausbildung und 80 % eine Berufserfahrung von mehr als 10 Jahren. 70 % der Selbständigen sind männlich - z.Zt, erfolgt aber schon jede 3. Gründung durch eine Frau. In den ersten drei Jahren scheitern über 50 % der Unternehmensgründungen aus den verschiedensten Gründen: Etliche haben eine zu geringe Kapitaldecke, viele unterschätzen die Dauer der Anlauf- und Aufbauzeit des Unternehmens, manche haben zu große Qualifikationsdefizite, einige haben zu geringe Marktanteile usw. usf. - und manche finden einen lukrativeren Job als Angestellte

Die Akademiker spielen in dieser Statistik erst in den letzten Jahren eine wachsende Rolle: In der Vergangenheit sind fast 50 % aller Hochschulabsolventen in den Öffentlichen Dienst gegangen - das traditionelle Sicherheitsdenken ist hierfür ein Grund -, ein weiterer großer Anteil von Akademikern arbeitet bei größeren Unternehmen. Bedeutung hat hierbei auch, daß Hochschüler kaum während des Studiums mit dieser beruflichen Alternative konfrontiert werden und während des Studiums überwiegend große Unternehmen und Verwaltungen Studienobjekte sind. Hierbei wurde die akademische Selbständigkeit von Ärzten, Rechts-anwälten, Architekten und Steuerberatern geprägt. Trotzdem war in den 90er Jahren fast jeder sechste Unternehmer Akademiker/in und direkt nach der Hochschulausbildung haben sich immerhin 7 % aller Hochschulabsolventen selbständig gemacht.

Natürlich spielt die Dynamik in der Wirtschaft, die gesellschaftliche Akzeptanz und die Förderung der unternehmerischen Selbständigkeit eine Rolle, aber jeder Gründungswillige hat eine persönliche Geschichte, die immer den Ausschlag gibt: Das Verwirklichen von eigenen Ideen, keine beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten, betriebliche Reorganisation, Outsourcing (Ausgründungen), nicht zu ertragende Vorgesetzte, (drohende) Arbeitslosigkeit, persönlicher Freiheitsdrang, unternehmerische Erfahrungen im Elternhaus usw. - und vor allem Zufälle.

Die neuen Selbständigen - eine Bewegung der Visionäre aus den 80er Jahren
Bevor Mitte der 90er Jahre die Unternehmensgründungen bei fast allen Bevölkerungsschichten "modern" und von den staatlichen Institutionen als Arbeitsplatzbeschaffer gefördert wurden, gab es in den 80er Jahren eine sogenannte Bewegung von " neuen Selbständigen":

Ausläufer der 68er Bewegung, die nicht den "Marsch durch die Institutionen" angetreten hatten; Menschen, die "alternativ" bzw. "ökologisch orientiert leben" wollten, arbeitslose Idealisten und im weiteren Sinne von den Berufsverboten Betroffene belebten mit teilweise neuen Ideen die unternehmerische Landschaft. Am bekanntesten ist die Öko-Bewegung, die Naturkostläden, den ökologischen Landbau, das ökologisch orientierte Handwerk und die Produktion, die alternativen Fahrradläden und Reiseveranstalter sowie Tagungs- und Bildungshäuser entstehen ließ. Diese "neuen Selbständigen" waren oft arbeitslose Lehrer/innen und Sozialwissenschaftler.

Zusätzlich gab es zu dieser Zeit an der Universität in Oldenburg eine Förderung der Selbständigkeit durch den damaligen Hochschulsportbeauftragten Dr. Christian Wopp: Dem Freizeitsport an der Universität und in der Stadt Oldenburg wurden nicht nur neue Impulse gegeben, sondern hier wurden Studenten und Absolventen der Universität beschäftigt, die zuerst als wissenschaftliche Hilfskräfte und ABM-Beschäftigte gefördert wurden und später aufgrund dieser Erfahrungen sich selbständig machten (Spielmobil, Mitmach-Zirkus, Reise-veranstalter, Hersteller von innovativen Freizeitsportartikeln usw. usf.). Soweit mir bekannt, ist keiner dieser neuen Unternehmer im herkömmlichen Sinne gescheitert: Einige sind in ihrem Bereich Marktführer - einmal sogar europaweit, die meisten haben ein durchschnittliches Einkommen und ein Teil hat nach mehr als 10-jähriger Selbständigkeit eine neue Beschäftigung im Schuldienst gefunden. Ein Grund für die geringe Pleitequote war die realistische Herangehensweise gepaart mit ideellem Eifer und materieller Bescheidenheit.

Vergessen sollten wir aber auch nicht die in der Zeit nicht eingestellten Lehrer und Lehrerinnen, die Kneipen, Tanzschulen, Second-Hand-Läden etc. erfolgreich betrieben - und immer noch betreiben, obwohl auch hier fast die Hälfte den Schuldienst in den 90er Jahren vorzogen.

Hochschulgründungen aus Forschungsvorhaben bzw. Drittmittelprojekten in den 90er Jahren
Die Unternehmensgründer und -gründerinnen in den 90er Jahren bis heute haben nicht die manchmal hemmenden Ideale der "Neuen Selbständigen": Mit Pragmatismus und materiellem Erfolgsanspruch treten sie unternehmerisch auf. Naturwissenschaftler, Informatiker, Ökonomen, (ehemals) wissenschaftliche Mitarbeiter und Hochschullehrer nehmen als Sprungbrett für eine (Teil-)Selbständigkeit Forschungsvorhaben bzw. Drittmittelprojekte. So entstanden als bekannte überregionale Projekte die Ökobank in Frankfurt, das Trendbüro in Hamburg und der Softwareentwickler IDS Scheer AG. Oft sind es Dienstleister in neuen Märkten: Softwareentwickler, Trainer, Biologen (Mikrovermehrung, Biotechnologie, Um-weltanalytik), Meßtechniker, Wasserstofftechnologen, Multimedia-Spezialisten - aber auch der Verkauf von hochwertigem Fast-Food, Bringdienste, Call-Center, psychologische Praxen und verschiedenste Gesundheitsdienste wurden und werden von Akademiker/innen gegründet.

In Oldenburg werden aber auch Unternehmensgründungen von den universitätsnahen Einrichtungen DIALOG (Dr. Seeber), POWER Nordwest und dem Informatik-Institut Offis (Prof. Appelrath) aus Forschungs- und Arbeitszusammenhängen gefördert. Offis hat hierbei weitreichende Pläne: Neben einem "Informations- und Kommunikationszentrum" für junge Softwareunternehmen soll das alte Fleiwa-Gelände wirtschaftliche Aktivitäten in den Bereichen Hotel, Gastronomie, Tagungen, Fitness und Welness entfachen. Pikanterweise gab es in den 80er Jahren schon eine Initiative von Dr. Wopp, der um die Universität gruppierte Projekte und Unternehmen verbunden mit einem Gesamtkonzept auf dem Fleiwagelände ansiedeln wollte. Die städtische Politik und Verwaltung ließ sich damals nicht begeistern.
Wie in den 80er Jahren sind es auch in der jüngsten Vergangenheit die "Ziehväter", die einige Unternehmensgründer und -gründerinnen beim Start in die Selbständigkeit den "Steigbügel" halten

Trends, Stärken und Schwächen von Gründungen aus der Hochschule
Sowohl die akademischen Gründer und Gründerrinnen der 80er wie auch der 90er Jahre hatten immer ein gravierendes Problem: Die Ablösung aus dem "sicheren" Schoß der Universität, vor allem aufgrund der Unkenntnis von der "wirtschaftlichen Außenwelt" . Dieser Sprung ins "kalte Wasser" des unternehmerischen Risikos wird bestimmt auch nicht in Zukunft zu verhindern sein, da eine dauerhafte inneruniversitäre Finanzierung kaum wahrscheinlich ist.

Das stetige Wachstum der Wissens-, Informations- und Dienstleistungswirtschaft, weitere technologischen Durchbrüche insbesondere in den Bereichen Kommunikation, Biotechnologie und Gesundheit und die Deregulierung bzw. das Outsourcing bieten aber zunehmend Chancen für Unternehmensgründungen nach der Hochschulausbildung. Im Zuge dieser Entwicklung wird auch eine grundlegend veränderte Beziehung zwischen Wohnen und Arbeiten, Arbeitszeit und Freizeitverhalten zu erwarten sein. Einzelunternehmer, Freelancer, Solisten werden insbesondere von Zuhause aus flexibel und kreativ ihre Leistungen anbieten. Schon in den letzten 6 Jahren haben insbesondere (akademische) Selbständige ohne Beschäftigte (+ 75%) gegenüber Selbständigen mit Beschäftigten (+ 10%) Furore gemacht Wichtig ist für den kaufmännisch unerfahrenen Akademiker hierbei realistisch an das Vorhaben heranzugehen, denn unternehmerische Fehler werden sich gerade bei nur theoretisch gebildeten Unternehmern zuhauf einstellen.

Deshalb ist es von Nutzen qualifizierte Seminare und Beratung in Anspruch zu nehmen, um auf grundsätzliche unternehmerische Herausforderungen antworten zu können :

• realistisches Unternehmens- und Wirtschaftlichkeitskonzept
• Marketingkonzept bei Gründung und Aufbau
• ausreichende Ausstattung mit Eigen- und Fremdkapital
• monatliche Liquiditätsplanung

Hierbei wird natürlich vorausgesetzt, das der Unternehmensgründer bzw. die -gründerin fachlich qualifiziert und für das Leistungsangebot ein ausreichender Markt vorhanden ist. Auch wenn der Unternehmenserfolg am Anfang größer als geplant ist, sollte man auf dem Boden bleiben, um nicht zu den "Golden Boys" (André Kostolany) zu gehören, die schon am Anfang ihres unternehmerischen Daseins nicht mehr die Versicherung für ihren Porsche zahlen können - denn der Unternehmenserfolg wird bestimmt durch die unternehmerischen Fähigkeiten jedes einzelnen Unternehmers und jeder einzelnen Unternehmerin.

Quellen:
DIW 1998
HIS 1998
Rentrop-Verlag
Trendletter 2000(x) 1999/2000
Der Mensch als Firma, aus: Die Zeit, Nr. 28 vom 8.8.99, Seite 15-17

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