Am Beginn des 3. Jahrtausends haben wir seit fast 60 Jahren Frieden,
Freiheit und Wohlstand in Deutschland - und in Gesellschaft und Wirtschaft
verfestigte, teilweise überholte Strukturen. Der Strukturwandel
muß an Fahrt gewinnen, damit wir das Erreichte erhalten und unseren
Kindern die Zukunft nicht verbauen. In diesem Prozeß spielen Unternehmensgründungen
eine wesentliche Rolle.
In Deutschland machten sich in den letzten Jahren zwischen 500.000 und
700.000 Menschen pro Jahr selbständig und meldeten ein Gewerbe
bzw. eine freiberufliche Tätigkeit an. 9% der Erwerbspersonen sind
zur Zeit selbständig; vor 40 - 50 Jahren waren es noch 12 - 15%
- in den USA, in Großbritannien und Frankreich ist die Selbständigenquote
25 - 40% höher. In Deutschland gibt es ein regionales Gefälle:
Während 1998 in München 118 Gründungen auf 10.000 Einwohner
gezählt wurden, sind es in Hessen 92, in Niedersachsen nur 67 Gründungen.
75% der Unternehmer und Unternehmerinnen haben eine abgeschlossene Berufsausbildung
und 80% eine Berufserfahrung von mehr als 10 Jahren. 70 % der Selbständigen
sind männlich - zur Zeit erfolgt bereits schon jede 3. Gründung
durch eine Frau. In den ersten drei Jahren scheitern über 50% der
Unternehmensgründungen aus den verschiedensten Gründen: Etliche
haben eine zu geringe Kapitaldecke, viele unterschätzen die Dauer
der Anlauf- und Aufbauzeit des Unternehmens, manche haben zu große
Qualifikationsdefizite, einige haben zu geringe Marktanteile usw. -
und manche finden einen lukrativeren Job als Angestellte.
Natürlich spielt die Dynamik in der Wirtschaft, die gesellschaftliche
Akzeptanz und die Förderung der unternehmerischen Selbständigkeit
eine Rolle, aber jeder Gründungswillige hat eine persönliche
Geschichte, die immer den Ausschlag gibt: Das Verwirklichen von eigenen
Ideen, fehlende berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, betriebliche
Reorganisation, Outsourcing (Ausgründungen), nicht zu ertragende
Vorgesetzte, (drohende) Arbeitslosigkeit, persönlicher Freiheitsdrang,
unternehmerische Erfahrungen im Elternhaus - und vor allem Zufälle.
Bevor Mitte der 90er Jahre die Unternehmensgründungen bei fast
allen Bevölkerungsschichten "modern" und von den staatlichen
Institutionen als Wirtschaftsmotor und Arbeitsbeschaffung gefördert
wurden, gab es in den 80er Jahren eine so- genannte Bewegung von "neuen
Selbständigen":
Ausläufer der 68er-Bewegung; Menschen, die "alternativ"
bzw. "ökologisch orientiert leben" wollten, arbeitslose
Idealisten und im weiteren Sinne von den Berufsverboten Betroffene belebten
mit teilweise neuen Ideen die unternehmerische Landschaft. Am bekanntesten
sind die Öko-Bewegung, die Naturkostläden, der ökologische
Landbau, das ökologisch orientierte Handwerk und die ökologische
Produktion, die alternativen Fahrradläden und Reiseveranstalter
sowie die Tagungs- und Bildungshäuser. Diese "neuen Selbständigen"
waren oft arbeitslose LehrerInnen und SozialwissenschaftlerInnen.
Aber in der Summe waren und sind es die Tätigkeiten im Gesundheitswesen,
in der Wirtschafts-, Rechts- und Steuerberatung, im Handel, Gastgewerbe
und Handwerk - und natürlich in der Informationstechnologie und
bei den (Service-) Dienstleistungen, in denen Selbständige arbeiten.
Das stetige Wachstum der Wissens-, Informations- und Dienstleistungswirtschaft,
weitere technologische Durchbrüche insbesondere in den Bereichen
Kommunikation, Biotechnologie und Gesundheit und die Deregulierung bzw.
das Outsourcing bieten aber zunehmend Chancen für Unternehmensgründungen.
Im Zuge dieser Entwicklung wird auch eine grundlegend veränderte
Beziehung zwischen Wohnen und Arbeiten, Arbeitszeit und Freizeitverhalten
zu erwarten sein. Einzelunternehmer, Freelancer, Solisten, werden insbesondere
von Zuhause aus flexibel und kreativ ihre Leistungen anbieten. Schon
in den letzten sechs Jahren haben überwiegend Selbständige
ohne Beschäftigte (+ 75%) gegenüber Selbständigen mit
Beschäftigten (+ 10%) Furore gemacht.
Vor allem treiben Berater, Designer, Publizisten, Wissensspezialisten
aller Art diese Kultur der Selbständigkeit voran - als Solisten
mit kreativen Dienstleistungen. Selbständigkeit ohne Angestellte
wird zu einem neuen gesellschaftlichen Ideal.
Der Megatrend Individualisierung führt zu veränderten Lebensplanungen
mit der wiederkehrenden Lust auf Selbstverwirklichung: das Individuum
qualifiziert sich vielseitig und arbeitet in den verschiedensten Jobs
und Positionen - für die im Rahmen großer Firmen oft kein
Platz ist.
Aber um unsere Wirtschaftsgesellschaft wettbewerbsfähiger und dynamischer
zu gestalten, benötigen wir wesentlich mehr erfolgreiche Unternehmer
und Unternehmerinnen.
Was sind die Hemmschuhe, die trotz staatlicher
Förderung dem entgegenstehen ?
Es sind u. a. das hohe Maß an Regulierung und hohe direkte und
indirekte Steuern verbunden mit einer fast 50%igen Staatsquote, die
uns in unserer wirtschaftlichen Weiterentwicklung behindern. Während
Amerikaner Visionen nachjagen und sich diesen annähern, lassen
sich die Deutschen oft von regulierten und erstarrten Strukturen lähmen.
"Wir beklagen, daß es zuwenig Mut, Kreativität und Unternehmergeist
in diesem Lande gibt. Aber wo sollen die denn herkommen, wenn wir die
Freien, Unabhängigen, Unangepaßten, die Querdenker, die Wagemutigen,
die ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben leben, wie Asoziale ausgrenzen,
nur weil sie nicht das Spiel der Mehrheit spielen? Diese Menschen aber
bewegen die Welt, sie sind unser wertvollstes Kapital. Wir müssen
es pflegen und mehren, indem wir für eine Gesellschaft sorgen,
die von jedem sein Bestes verlangt und ihn dafür auch entsprechend
belohnt."
(Stefan Baron, Chefredakteur, Wirtschaftswoche 11/96)
"Überholte Strukturen, staatliche Übervorsorge und einmal
erworbene Besitzstände werden verteidigt und verhindern das Entstehen
von neuen Märkten mit innovativen Produkten und Dienstleistungen.
Folgen sind Wachstumsschwäche, Haushaltsdefizite, hohe Arbeitslosigkeit
und fehlende Visionen: Die deutsche "Gefälligkeitsdemokratie"
(Guido Westerwelle) behindert geradezu Reformen und Innovationen. Wir
brauchen mehr Kritik als Motor der Erneuerung."
(vgl. Margarita Mathiopoloulos, Die geschlossene Gesellschaft und ihre
Freunde, 1997)
Aber was müssen wir tun, damit das unternehmerische
Tun einen höheren Stellenwert bekommt ?
Wir brauchen Freiheit, Kreativität, Mut und Phantasie um die Herausforderungen
Überalterung der Bevölkerung
Vereinzelung des Individuums
Erhaltung des Wohlstands
Integration von Minderheiten
erfolgreich anzugehen.
"Der Staat und die Gesellschaft brauchen Wandelbereitschaft und
Flexibilität, eine Renaissance des positiven Geistes und der positiven
Denkweise - Fleiß, Pioniergeist und Unternehmensmut".
(Fred B. Irwin, FAZ 7/1997)
Dieses setzt mehr Toleranz, Offenheit und Neugierde voraus - und entfesselte
Mitarbeiter, um die Ressourcen zu nutzen, die sowohl bei Mitarbeitern
als auch bei Kunden brachliegen.
"Der Weg zum vitalen Unternehmen heißt nicht Revolution oder
Evolution, sondern Revolution im Denken und Evolution im Handeln".
(Jürgen Fuchs, Wege zum vitalen Unternehmen. Die Renaissance der
Persönlichkeit 1995)
Wir müssen mehr Demokratie und mehr Marktwirtschaft wagen, um die
Verkrustungen und Erstarrungen aufzubrechen. So können wir neue
Arbeitsplätze schaffen, ökonomischen Wohlstand ermöglichen
und soziale Ge-rechtigkeit in Zukunft gewährleisten - denn die
Geschichte zeigt (wirtschaftliche) Freiheit führt zu Wohlstand.
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