Januar 2002
Unternehmensgründungen zwischen Vision und Realität
von Alf Baumhöfer, Unternehmensberater / Bankkaufmann + Diplom-Ökonom


Am Beginn des 3. Jahrtausends haben wir seit fast 60 Jahren Frieden, Freiheit und Wohlstand in Deutschland - und in Gesellschaft und Wirtschaft verfestigte, teilweise überholte Strukturen. Der Strukturwandel muß an Fahrt gewinnen, damit wir das Erreichte erhalten und unseren Kindern die Zukunft nicht verbauen. In diesem Prozeß spielen Unternehmensgründungen eine wesentliche Rolle.

In Deutschland machten sich in den letzten Jahren zwischen 500.000 und 700.000 Menschen pro Jahr selbständig und meldeten ein Gewerbe bzw. eine freiberufliche Tätigkeit an. 9% der Erwerbspersonen sind zur Zeit selbständig; vor 40 - 50 Jahren waren es noch 12 - 15% - in den USA, in Großbritannien und Frankreich ist die Selbständigenquote 25 - 40% höher. In Deutschland gibt es ein regionales Gefälle: Während 1998 in München 118 Gründungen auf 10.000 Einwohner gezählt wurden, sind es in Hessen 92, in Niedersachsen nur 67 Gründungen.

75% der Unternehmer und Unternehmerinnen haben eine abgeschlossene Berufsausbildung und 80% eine Berufserfahrung von mehr als 10 Jahren. 70 % der Selbständigen sind männlich - zur Zeit erfolgt bereits schon jede 3. Gründung durch eine Frau. In den ersten drei Jahren scheitern über 50% der Unternehmensgründungen aus den verschiedensten Gründen: Etliche haben eine zu geringe Kapitaldecke, viele unterschätzen die Dauer der Anlauf- und Aufbauzeit des Unternehmens, manche haben zu große Qualifikationsdefizite, einige haben zu geringe Marktanteile usw. - und manche finden einen lukrativeren Job als Angestellte.

Natürlich spielt die Dynamik in der Wirtschaft, die gesellschaftliche Akzeptanz und die Förderung der unternehmerischen Selbständigkeit eine Rolle, aber jeder Gründungswillige hat eine persönliche Geschichte, die immer den Ausschlag gibt: Das Verwirklichen von eigenen Ideen, fehlende berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, betriebliche Reorganisation, Outsourcing (Ausgründungen), nicht zu ertragende Vorgesetzte, (drohende) Arbeitslosigkeit, persönlicher Freiheitsdrang, unternehmerische Erfahrungen im Elternhaus - und vor allem Zufälle.

Bevor Mitte der 90er Jahre die Unternehmensgründungen bei fast allen Bevölkerungsschichten "modern" und von den staatlichen Institutionen als Wirtschaftsmotor und Arbeitsbeschaffung gefördert wurden, gab es in den 80er Jahren eine so- genannte Bewegung von "neuen Selbständigen":
Ausläufer der 68er-Bewegung; Menschen, die "alternativ" bzw. "ökologisch orientiert leben" wollten, arbeitslose Idealisten und im weiteren Sinne von den Berufsverboten Betroffene belebten mit teilweise neuen Ideen die unternehmerische Landschaft. Am bekanntesten sind die Öko-Bewegung, die Naturkostläden, der ökologische Landbau, das ökologisch orientierte Handwerk und die ökologische Produktion, die alternativen Fahrradläden und Reiseveranstalter sowie die Tagungs- und Bildungshäuser. Diese "neuen Selbständigen" waren oft arbeitslose LehrerInnen und SozialwissenschaftlerInnen.

Aber in der Summe waren und sind es die Tätigkeiten im Gesundheitswesen, in der Wirtschafts-, Rechts- und Steuerberatung, im Handel, Gastgewerbe und Handwerk - und natürlich in der Informationstechnologie und bei den (Service-) Dienstleistungen, in denen Selbständige arbeiten.

Das stetige Wachstum der Wissens-, Informations- und Dienstleistungswirtschaft, weitere technologische Durchbrüche insbesondere in den Bereichen Kommunikation, Biotechnologie und Gesundheit und die Deregulierung bzw. das Outsourcing bieten aber zunehmend Chancen für Unternehmensgründungen. Im Zuge dieser Entwicklung wird auch eine grundlegend veränderte Beziehung zwischen Wohnen und Arbeiten, Arbeitszeit und Freizeitverhalten zu erwarten sein. Einzelunternehmer, Freelancer, Solisten, werden insbesondere von Zuhause aus flexibel und kreativ ihre Leistungen anbieten. Schon in den letzten sechs Jahren haben überwiegend Selbständige ohne Beschäftigte (+ 75%) gegenüber Selbständigen mit Beschäftigten (+ 10%) Furore gemacht.

Vor allem treiben Berater, Designer, Publizisten, Wissensspezialisten aller Art diese Kultur der Selbständigkeit voran - als Solisten mit kreativen Dienstleistungen. Selbständigkeit ohne Angestellte wird zu einem neuen gesellschaftlichen Ideal.
Der Megatrend Individualisierung führt zu veränderten Lebensplanungen mit der wiederkehrenden Lust auf Selbstverwirklichung: das Individuum qualifiziert sich vielseitig und arbeitet in den verschiedensten Jobs und Positionen - für die im Rahmen großer Firmen oft kein Platz ist.

Aber um unsere Wirtschaftsgesellschaft wettbewerbsfähiger und dynamischer zu gestalten, benötigen wir wesentlich mehr erfolgreiche Unternehmer und Unternehmerinnen.

Was sind die Hemmschuhe, die trotz staatlicher Förderung dem entgegenstehen ?
Es sind u. a. das hohe Maß an Regulierung und hohe direkte und indirekte Steuern verbunden mit einer fast 50%igen Staatsquote, die uns in unserer wirtschaftlichen Weiterentwicklung behindern. Während Amerikaner Visionen nachjagen und sich diesen annähern, lassen sich die Deutschen oft von regulierten und erstarrten Strukturen lähmen.

"Wir beklagen, daß es zuwenig Mut, Kreativität und Unternehmergeist in diesem Lande gibt. Aber wo sollen die denn herkommen, wenn wir die Freien, Unabhängigen, Unangepaßten, die Querdenker, die Wagemutigen, die ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben leben, wie Asoziale ausgrenzen, nur weil sie nicht das Spiel der Mehrheit spielen? Diese Menschen aber bewegen die Welt, sie sind unser wertvollstes Kapital. Wir müssen es pflegen und mehren, indem wir für eine Gesellschaft sorgen, die von jedem sein Bestes verlangt und ihn dafür auch entsprechend belohnt."
(Stefan Baron, Chefredakteur, Wirtschaftswoche 11/96)

"Überholte Strukturen, staatliche Übervorsorge und einmal erworbene Besitzstände werden verteidigt und verhindern das Entstehen von neuen Märkten mit innovativen Produkten und Dienstleistungen. Folgen sind Wachstumsschwäche, Haushaltsdefizite, hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Visionen: Die deutsche "Gefälligkeitsdemokratie" (Guido Westerwelle) behindert geradezu Reformen und Innovationen. Wir brauchen mehr Kritik als Motor der Erneuerung."
(vgl. Margarita Mathiopoloulos, Die geschlossene Gesellschaft und ihre Freunde, 1997)

Aber was müssen wir tun, damit das unternehmerische Tun einen höheren Stellenwert bekommt ?

Wir brauchen Freiheit, Kreativität, Mut und Phantasie um die Herausforderungen

• Überalterung der Bevölkerung
• Vereinzelung des Individuums
• Erhaltung des Wohlstands
• Integration von Minderheiten

erfolgreich anzugehen.

"Der Staat und die Gesellschaft brauchen Wandelbereitschaft und Flexibilität, eine Renaissance des positiven Geistes und der positiven Denkweise - Fleiß, Pioniergeist und Unternehmensmut".
(Fred B. Irwin, FAZ 7/1997)

Dieses setzt mehr Toleranz, Offenheit und Neugierde voraus - und entfesselte Mitarbeiter, um die Ressourcen zu nutzen, die sowohl bei Mitarbeitern als auch bei Kunden brachliegen.

"Der Weg zum vitalen Unternehmen heißt nicht Revolution oder Evolution, sondern Revolution im Denken und Evolution im Handeln".
(Jürgen Fuchs, Wege zum vitalen Unternehmen. Die Renaissance der Persönlichkeit 1995)

Wir müssen mehr Demokratie und mehr Marktwirtschaft wagen, um die Verkrustungen und Erstarrungen aufzubrechen. So können wir neue Arbeitsplätze schaffen, ökonomischen Wohlstand ermöglichen und soziale Ge-rechtigkeit in Zukunft gewährleisten - denn die Geschichte zeigt (wirtschaftliche) Freiheit führt zu Wohlstand.

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